Tagebuch der CD Produktion mit Einar Escaf (Carlos Vives, Shakira) in Barranquilla, Colombia von Andy Bopp
Juli 2006

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Sonntag, 30.Juli,

heute war um 13 Uhr der 2. Versuch mit dem Akkordeonisten geplant. Wir waren aber vorgewarnt und haben einen "falls er nicht kommt" - Plan erstellt. Um 13 Uhr kam er wirklich nicht, also kam der Harmonikaspieler zum Zug und Gloria und Sebastian machten sich bereit, um vorzeitig die Stimmen aufzunehmen. Mittlerweile haben wir einen neuen Akkordeonspieler organisiert. Es ist Ismael Rudas, der Sohn des gleichnamigen Akkordeonspielers, der hier eine Legende ist und schon mit vielen internationalen Stars aufgenommen hat. Dementsprechend kostet auch ein Track mit ihm. Am Anfang ging das Ganze ziemlich harzig los. Das Akkordeon wird hier in zwei Durchgängen aufgenommen, Melodie und Bassregister getrennt. Wir haben mit den Bässen angefangen von "Costena". Das hat nicht wirklich toll getönt und ich war drauf und dran das Ganze zu kippen. Rayner hat dann vorgeschlagen mit dem Vallenato "Morenita de Marbella" anzufangen und zuerst die Melodiestimme aufzunehmen. Da ging plötzlich die Sonne auf. Ismael hat einen unglaublichen Sound mit einem wunderschönen Vibrato. Wir haben dann bis am Morgen um 1 Uhr "Morenita" und "Un Beso en la Luna" aufgenommen. Das Akkordeon bekam mehr Gewicht, als ursprünglich geplant. Ein Glücksfall.

Ismael hat mich dann nachhausegefahren. Er war recht begeistert von unserem Projekt. Er hatte noch nie vorher so eine Mischung gemacht. Er machte auch ein Kompliment bezüglich der Gitarren, was ich natürlich schätzte. Die leicht bluesige Art zu spielen, ist eine Seltenheit hier, was dem Ganzen scheinbar einen Exotenbonus gibt.

Samstag, 29. Juli,

Heute bin ich um 10 Uhr am Morgen im Studio angekommen. El Juvenal y Edgardo kamen zur selben Zeit. Wir haben bis 11 Uhr gewartet, dass der Akkordeonist eintrudeln würde ... nichts. Wir haben dann Einar angerufen, der scheinbar gewusst hat, dass dieser gestern abend in Cartagena gespielt hat und deshalb gar nicht um 10 Uhr hier sein konnte.

Zum ersten Mal hab ich die Geduld verloren und bin ausgerastet. Nicht, dass diese Situation neu für mich gewesen wäre. Allerdings vergrössert sich damit die zeitliche Verzögerung und Edgardo zeigt keine Anzeichen dafür den Ernst der Situation zu erkennen. Im Gegenteil!

Ich hab um 12 Uhr den Bettel hingeschmissen und bin dann an den Strand verreist bis zum Sonnenuntergang.

Jetzt bin ich wieder hier, viel ist allerdings inzwischen nicht gelaufen. Ich hab nochmal meinem Ärger Luft verschafft, worauf sich Rayner geklemmt hat und nun wenigstens eine Lösung für morgen sucht. Mal sehen... Wenn das so weitergeht, werden wir im 24 h Rhythmus weiterarbeiten müssen.

Rayner hat nun das Heft in die Hand genommen und einen Arbeitsplan erstellt. Heute Nacht werden die ersten Musiker kommen und wir werden eine Nachtschicht einlegen. Zudem habe ich vorgeschlagen, dass wir parallel in einem andern Studio fortlaufend abmischen, was im Hauptstudio aufgenommen wird. Wir werden dies mit Einar noch definitiv nageln müssen. Einar hat inzwischen mehrfach angerufen und ist bemüht darum das Problem zu lösen.

Langsam beginne ich wieder Ruhe zu bewahren.


Joseline (Sängerin), Gloria, Brandy Bopp und Sebastian

Freitag, 28. Juli,

Ich scheine mich irgendwie von der zeitlichen Orientierung losgelöst zu haben. Da wir 7 Tage pro Woche im Studio sind, habe ich den Faden verloren. Gestern war ich im Glauben, dass wir erst Mittwoch haben, deshalb gibt es im Tagebuch keinen Donnerstag ;)

Gestern haben wir die restlichen Chorstimmen aufgenommen. Am Abend habe ich mich entschlossen die 2 Stücke "Costena" und "Carnaval" zu singen, wie Einar dies unbedingt wollte. Er glaubt, dass diese Stücke mit meiner Stimme der Carnavalhit des nächsten Jahres werden.

Ich habe die Bedingung gestellt, dass ich nur singe, wenn ein Whisky vor Ort ist und alle ausser Einar und einem Tontechniker den Aufnahmeraum verlassen. Die Bedingungen wurden akzeptiert und ich nahm meine Stimmen auf mit einer billigen Flasche Brandy im Aufnahmeraum und dem Studio voll von Zuschauern, die Brandy Bopp singen hören wollten. Innert kürzester Zeit war das Fest voll im Gang und Jenny mit dem stärksten Barranquilla-Akkzent wurde in den Aufnahmeraum geschickt, um eine "Cantaleta" mit mir zu veranstalten. Sie sollte die eifersüchtige Ehefrau mimen, die ihrem festfreudigen Ehemann den Carnaval verderben möchte. Einar konnte sich nicht mehr halten vor Lachen und schrie: esto es un goal!!

Heute morgen auf 9 Uhr war ein Akkordeonist bestellt. Dieser ist pünktlich erschienen, läutete und verschwand wütend wieder, als er hörte, dass er der erste vor Ort ist. Ich kam um ca. 9.20 und noch niemand war da. Juvenal, der Tontechniker, musste mit seinem Hund zum Tierarzt und kam deshalb mit Verspätung. Einar war fuchsteufelswütend und fluchte über die Arroganz der Vallenatoakkordeonisten. Kurzerhand wurde ein Klarinettist bestellt und einer ander Akkordeonist kam auf die 14 Uhr. Wir haben 3 Stücke bearbeitet. Edgardo leitete die Session mit dem Klarinettisten, die sich ein wenig schwierig gestaltete. Mit dem Akkordeonisten verstand ich mich auf Anhieb gut. Er war flexibel genug, um meine unkonventionellen Ideen umzusetzen, die Edgardo jeweils dazu verleiten demonstrativ das Studio zu verlassen. Aber das gehörte inzwischen zum Alltag...;) Ich habe grosse Freude, wie dieses Stück "Dejate mirar" geworden ist. Ich freue mich schon auf morgen, da werden wir mit ihm zwei weitere Stücke bearbeiten.

Mittwoch, 26. Juli,

Gestern haben wir die "costena" mit den Chorstimmen aufgenommen. In einem Teil mussten wir Carnavalstimmung erzeugen. Alle Anwesenden mussten in den Aufnahmeraum und soviel Lärm erzeugen, wie nur möglich. Ab da gab es kein Halten mehr und wir hatten unseren kleinen Carnaval im Studio. Es wurde getanzt und alle wollten von meinem Magenmittel "Carmol" probieren. Jeder musste einen Werbespot dazu drehen, den wir dann mit meiner Kamera aufnahmen.
Um 23 Uhr verliessen wir völlig überdreht das Studio und gingen einen Suizo
(Schweizer) essen. Suizos sind hier Hot Dogs, die aber nicht vergleichbar sind mit den Dingern in der Schweiz. Es gibt eine Karte mit etwa 10 verschiedenen Hot Dogvarianten. Um ca. 1 Uhr verliessen wir das Restaurant und fuhren zum Hotel zurück.

Als ich heute um 8 Uhr erwacht bin, ist es noch dunkel gewesen. Es hat leicht geregnet und ich habe mich an das Gewitter vor 2 Wochen erinnert. Ich bin deshalb unverzüglich mit dem Taxi ins Studio gefahren, da ich nicht in der Strasse oder im Hotel stecken bleiben wollte. Trotz der geringen Niederschlagsmenge, hatten sich schon Bäche gebildet, die vom höher gelegenen Nordteil Barranquillas in den Süden hinunter strömten. Bei Überqueren dieser Strassen, reichte das Wasser bis zum Fenster des Taxis. Mit etwas Bangen erinnerte ich mich daran, dass diese Bäche ganze Busse mitreissen konnten.

Ich bin dann doch heil im Studio angekommen, wo wir mit Juvenal Falla und Edgardo noch einmal "Sin Mentiras" überarbeiteten. Auch die Gitarren mussten überarbeitet werden und ich fügte noch ein Intro und ein paar Fills hinzu. Nico Tovar ist gegen Mittag im Studio aufgetaucht, um die Aufnahmen seines Auftrittes mit Einar in Cartagena abzumischen. Nico Tovar ist ein Schützling von Emilio Estefan und wohnt in Miami.


Dienstag, 25. Juli,

Gestern war ich ausnahmsweise mal früh im Hotel. Ich habe auf das Nachtessen verzichtet und bin früh schlafen gegangen. Heute morgen bin ich wieder einmal ins Einkaufszentrum gegangen, zu meinem üblichen Fruchtsalatbuffet. Ich hab auch einen Kaffee bestellt. Als ich aber merkte, dass er aus Hahnenwasser gemacht und anschliessend im Mikro erhitzt wurde, habe ich dann darauf verzichtet ihn zu trinken. Ob ich wohl deshalb immer Magenkrämpfe hatte?

Um 9 Uhr ist es wieder losgegangen. Im Studio war Tomaso, der Experte in Sachen Folkloreperkussion, Egardo und ein neuer Tontechniker. Rayner sah gestern ziemlich übermüdet aus. Es geht alles wesentlich ruhiger zu und her. Während bei Rayner immer 2 Natels gleichzeitig läuten und immer mehrere Leute ihn hier aufsuchen, ist immer etwas los. Die Ruhe, die heute herrscht erinnert mich an die Schweiz ;)

Um 11 Uhr kommen Gloria, Sebastian und die Zwillinge. Einar ist auch da, während Tomaso die Perkussion von "Costena de Barranquilla" einspielt. Einar ist absoluter Fan von diesem Stück und will unbedingt, dass ich es singe. Einar spricht so schnell, dass ihn nicht einmal seine Freunde verstehen. (siehe Video). Rayner sagt ihm dann jeweils, er solle im 4/4 Takt sprechen, damit man ihn verstehe.

Ab 16 Uhr waren wieder Chorstimmen geplant. Zuerst "Mentiras", "Amargura" und zum Abschluss das aufwändigere "Costena de Barranquilla"


Montag, 24. Juli,

Gestern haben wir bis 10 Uhr gearbeitet. Heute morgen um 9 Uhr sollte es eigentlich weitergehen. Egardo war bereits im Studio mit 2 Musikern einer Vallenato Band. Rayner verschlief sich, so dass wir erst um 10 Uhr loslegen konnten. Einer der Musiker, Leo, ist ein fantastischer Vallenatobassist. Wir luden ihn spontan ein, die Bassspur in "Morenita" einzuspielen. Danach spielte Egardo 3 weitere einfachere, aber unglaublich groovende Babybasslinien ein. Sicherlich einer der Höhepunkte. Etwas später kam die venezolanische Sängerin Indira vorbei, die mit Leo eine Boleroformation gründen will. Sie spielen sich gegenseitig ihre Kompositionen vor. Leo ist ein hervorragender Sänger, Komponist und Gitarrist. Wir beschliessen ihn als Sänger für den Vallenato zu engagieren.

Am Mittag muss Rayner noch einen Jingle für Klopapier aufnehmen, da ihm die Chefin der Jingleagentur das Messer an den Hals gesetzt hat. Für uns gibt es wieder eine Verzögerung. Dann schaut noch Martin Madera mit Julio Milano vorbei. Martin Madera ist der Grammypreisträger, der zusammen mit Einar Escaf "Carlos Vives" produziert hat. Da Rayner den ganzen Monat mit uns arbeitet, stauen sich seine Termine an. Er vertröstet den "grossen" Martin Madera auf später. Er sollte ihm noch ein Stück neu abmischen. Ein seltsames Gefühl, dass ein Grammypreisträger hinten anstehen muss. Er scheint deswegen auch ein wenig eingeschnappt zu sein.

Am Abend haben wir mit den ersten Chorstimmen begonnen. Das erste Lied sollte meine Lieblingskomposition "Un Beso en la Luna" sein. Für die Chorstimme hat Egardo eine Schülerin, Joseline, eingeladen. Die Chorstimmen von Sebastian, Gloria und Josefine harmonieren wunderschön. Zu hören, dass ein eigenes Stück mit solcher Magie gesungen wird, ist ein überwältigendes Erlebnis. In diesem Moment bin ich mir bewusst, dass das Ganze, was ich hier erleben darf, wie ein Traum ist, aus dem ich nicht erwachen möchte. Über zwei Wochen mit soviel Talent und Ambiente umgeben zu sein, ist unbeschreiblich. Dazu das ganze Gemisch einer ungewöhnlichen Stadt, umgeben von der Karibik und dem Rio Magdalena, dem Ort, wo das Zusammenprallen der Kulturen Afrikas, Europas und der indianischen Ureinwohner eine Vielfalt von Musikstilen hervorgebracht hat.

Sonntag, 23. Juli,

Gestern haben wir vom 9 Uhr morgens bis am Morgen um 3 Uhr aufgenommen. Wir konnten die Gitarren von 3 Stücken zu Ende bringen und nun fehlt nur noch der Merengue. Anschliessend sind die Bassspuren und der Gesang dran. Heute haben wir erst am Mittag angefangen. Heute war Egardo's Tag. Er hat tolle Gitarrenideen entwickelt und einen fantastischen Bass eingespielt...Wahnsinn!


Montag, 17. - Samstag 22. Juli,

Einar und Rayner sind zurück und wir beginnen damit die Gitarrentracks aufzunehmen. Das Ganze geht nun viel einfacher, wir kommen voran. Wir haben aber fast 2 Tage verloren und ich spüre langsam den Zeitdruck. Am Montagnachmittag kommt Gloria und Sebastian zum ersten Mal ins Studio. Neben meinen Gitarren, nehmen wir mit Frank und Cello auf, die Tres- und zusätzliche Gitarrenspuren einspielen. Ich komme kaum zu etwas anderem, als Gitarren einzuspielen, fast 12 Stunden am Tag. Am Donnerstag fühle ich mich ausgelaugt und bin froh, dass ich am Nachmittag freinehmen kann. Cello wird in Sebastians Kompositionen die Gitarrenspuren einspielen. Sebastian hat eine andere Handschrift als ich und er möchte gerne Drums einbauen, sogar ein Regueton kommt kurzfristig ins Repertoire. Ich habe ein bisschen Angst, dass das ganze Projekt soundmössig nicht bündig wird. So wie's aussieht, müssen wir auch am Sonntag ins Studio. Einzig am Abend gönnen wir uns ein bisschen Ausgang. Wir besuchen am Mittwoch eine Bar, die den Karneval vom Februar nachholt, mit 2 Folklorebands und Tänzerinnen. Ayleen singt in der zweiten Formation. Es wird 2 Uhr morgens :( und ich muss um 8 Uhr wieder im Studio sein. Am Freitag spielen Cello und Frank mit ihrem Son-Quintett im Restaurant "La Cueva". Cello spielt Bass. Unglaublich sein Sound, seine Präzision und der Groove. Am Samstagmorgen bin ich wieder um 8 Uhr im Studio, Einar ist kaum ansprechbar. Er hat seit Montag mit uns von 8-20 Uhr gearbeitet und anschliessend bis 1 Uhr eine Folkloreband aufgenommen. Wir brauchen alle eine Pause, aber zeitlich sind wir im Verzug.

Sonntag, 16. Juli,

Da in Kolumbien Parranda unweigerlich mit Alkohol verbunden ist, geht es mir heute nicht sonderlich gut. Den ganzen Tag hindurch ist es mir schwindlig und ich habe Durchfall :) Gloria, Sebastian kommen am Abend in Barranquilla an, wo ich sie abhole. Glorias Zwillinge Gloria und Jessica sind auch mit dabei. Nach den Aufnahmen werden sie ihre Familien in Cucuta besuchen.

Samstag, 15. Juli,

Rayner ist heute nicht erschienen, da er scheinbar angenommen hat, dass ich nach Cartagena gehe. Ich schaue mit Egardo die Grooves von Obate an und wir nehmen auch einige Tracks auf. Am Aufnahmepult ist Jose "Come Gato", ein junger Typ, der ab und zu hier ist und den Computer ein wenig kennt. Allerdings kommen wir nicht voran, ich habe einen miserablen Sound, die Gitarren klingen nicht und ich kriege keinen sauberen Groove hin. Ich bin recht frustriert. Am Abend ist im Restaurant "Patio Sabanero" Parranda angesagt. Es spielen folkloristische Gruppen. Eine erinnert mich an Guggenmusik, die andere ist rein perkussiv mit einer Gaita und Gesang. Beide haben einen treibenden, hypnotisierend Groove. Die Zuschauer tanzen sich in Trance. Afrika grüsst.

Freitag, 14. Juli,

Der heutige Tag hat mit einem heftigen Gewitter begonnen. Auf dem Weg zum Studio begann es zu regnen, wie ich es noch kaum einmal erlebt hatte. Wir mussten uns in einem Centro Commercial in Sicherheit bringen, da sich die Strassen innert Minuten reissende Bäche verwandelten. Das Unwetter dauerte zwei Stunden und legte ganz Barranquilla lahm. Wir konnten deshalb mit den Studioaufnahmen erst gegen Mittag beginnen. Wir beendeten die Aufnahmesessions mit Aylen und versuchten dann erste Gitarrentracks zu legen. Ich habe mich dann entschieden nicht nach Cartagena zu gehen, um mit Einar an die Eröffnungsfeier zu gehen. Wir waren durch die zwei Tage mit Eileen in Rückstand geraten. Zudem hatte Ecardo (alias Ricardo....hab den Namen leider falsch mitgekriegt...;) beschlossen mit mir die karibischen Rhythmen genauer anzuschauen. Ich hatte in meiner Vorproduktion alles so gespielt, wie ich fand, dass es tönte. Ich musste bald mal merken, dass die Rhytmik massiv komplexer war, als ich dies bisher angenommen hatte. Schade, denn Carlos Vives singt morgen und es wäre schon ein Erlebnis ihn kennen zu lernen.

Donnerstag, 13. Juli,

Heute bin ich erst um 8.30 Uhr erwacht, womit wieder keine Zeit blieb, irgendwas für den Kühlschrank zu kaufen. Die Kleider reichen noch knapp 2 Tage.... Als ich um 9 Uhr im Studio ankam, war Aylen "La Negra" schon da. Wir hatten beschlossen, sie den Pilot für "Oba" singen zu lassen, da meine Audiofiles aus der Schweiz verloren gegangen waren. Ricardo hat einige Korrekturen am Text und an der Phrasierung vorgenommen. Aylen ist ein Energiebündel! Ricardo, der sonst sehr steif und mürrisch dreinblickt, liess sich sogar zum einem Tänzchen mit ihr hinreissen....CANDELA!!

Am Anfang verliefen die Aufnahmen ziemlich harzig. Aylen hatte das Feeling für den Song noch nicht gefunden und Ricardo begann sehr früh Korrekturen anzubringen. Ich habe daraufhin sie den Song mehrfach singen lassen, ohne einzugreifen, damit sie sich einleben konnte. Ricardo verliess ein wenig eingeschnappt das Studio, um frische Luft zu schnappen.

Als wir soweit waren, dass ich das Gefühl hatte, dass wir dorthinkamen, wo ich wollte, kam Ricardo wieder herein. Nun kam er zum Zuge und machte die notwendigen rhytmischen Korrekturen. Von da an begann die Zusammenarbeit zu klappen und "La Negra" liess unsere Herzen höher schlagen.

Mittwoch 12. Juli,

Ich erwache um 8 Uhr und hole ein bisschen Schlafdefizit auf. Zum ersten Mal gelingt es mir mit dieser lauten und kalten Klimaanlage zu schlafen. Im Zimmer wären es sonst über 30 Grad. Zeit zum Frühstücken habe ich nicht, denn um 9 Uhr geht es wieder los. Es sind bereits alle da und wir definieren das Vorgehen meines Stückes "Amargura". Hier prallen zum ersten Mal unsere unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander. Während ich vorallem möchte, dass das Ganze in die Beine geht, hat Ricard ziemlich fixe Vorstellungen davon, was man tun darf und lassen sollte. Ich spüre sehr schnell, dass Fabian weiss, was ich möchte und schlage deshalb vor, dass er einfach spielen solle, was er gut finde und dass wir im 2. Durchgang weitere Ideen realisieren können. Ricardo gibt nach, bleibt aber skeptisch. Das Ganze kommt nun viel natürlicher daher und auch Ricardo scheint sich mit dieser Vorgehensweise anzufreunden. Nach dem Mittagessen geht es mit "Currumba" weiter, einem mehr folkloreorientierten Stück. Wir kommen heute sehr weit und erledigen fast die Perkussionsspuren von fast allen Stücken. Fabian spielt die Congas, Bongos, Guiro und die Timbales, Reynar übernimmt die restliche Kleinperkussion. Zum Klatschteil von Currumba müssen alle bis zum Dienstpersonal ins Studio zur Aufnahme. Um 10 Uhr ist heute Schluss.

Dienstag 11. Juli,

Ich erwache um 6 Uhr, checke meine Mails und sehe, dass Gloria die neueste Komposition von Sebastian gemailt hat. Damit sind nun alle Songskizzen vorhanden. Als ich um 9 Uhr im Studio ankomme, sind schon alle an der Arbeit. Die Studiotemperatur beträgt 18 Grad. Ricardo arbeitet mit Jacke und ich nehme mir vor, nächstes Mal den Pulli mitzunehmen. Auf dem Computer werden Spuren bereitgemacht, Perkussionsinstrumente auf Ihren Sound gecheckt und Mikrofoneinstellungen geprüft. Heute ist der absolute kolumbianische Perkussionssuperstar Fabian Picon vorgesehen, um die Perkussionsspuren in den Salsastücken zu legen. Alle im Studio haben grossen Respekt vor ihm, denn seine Arbeit mit Niche und Joe Arroyo ist legendär. Er spielt mit unglaublichen Groove und Präzision. Wir arbeiten anschliessend mit Einar und Ricardo bis Mitternacht, um alle Stücke mit Ihren Arrangements durchzugehen. Einar muss um 5 Uhr wieder raus, da er für die "Juegos Centro Americanos" in Cartagena eine Band zusammenstellen musste, die eine einstündige Show für die Eröffnungsfeier bestreitet. Bis am Samstag wird er jeden Tag im Stadium für den Auftritt am Sonntag proben. In dieser Zeit müssen wir ohne ihn auskommen. Gerne hätte ich ihn begleitet, allerdings erlaubt dies das Projekt zur Zeit noch nicht. Vielleicht gehe ich am Samstag.

Montag 10. Juli,

Ricardo und Reynar von Einars Team haben die ganze Nacht hindurch Midifiles erstellt von unseren Kompositionen, die wir Ihnen via email in Form von mp3 files zugestellt haben. Da man mich gewarnt hat, dass die Barranquilleros eher gemächlich arbeiten, lasse ich alles Material in unserer Mietwohnung und beschliesse diesen ersten Tag als Planungstag zu nutzen. Allerdings werde ich eines anderen belehrt. Einar hatte mich scheinbar schon am Sonntag Nacht im Studio erwartet und alle wollen loslegen. Wir überarbeiten die "Pilottracks" um etwelche Fehler zu beseitigen. Ricardo ist ein absoluter Perfektionist. Fehler macht er nicht!! Wir nehmen bereits erste Perkussionsspuren auf. Um Mitternacht machen wir Schluss. Ricardo und Reynar haben einen 24 Std Tag hinter sich.

Sonntag, 9. Juli,

Während Italien und Frankreich Penalty schiessen, lande ich mit der Air France in Bogota. Zum Glück erfolgte die Landung vor der dem entscheidenden Penalty. Allerdings fehlte dann bei der Gepäckausgabe eine meiner beiden Gitarren, die in Paris liegen geblieben war. Um 19 Uhr geht es weiter nach Barranquilla, wo wir in der Nacht landen. Es herrscht eine immense Hitze und Luftfeuchtigkeit.

Samstag, 8. Juli,

Heute ist unser letzter Auftritt in Thun, bevor ich nach Barranquilla, Kolumbien abfliege, mit 11 Eigenkompositionen im Gepäck von Guiomar, Sebastian, Gloria und mir. Seit 2 Jahren laufen schon die Vorbereitungen für dieses nicht ganz risikofreie Projekt. Allerdings ist es eine einmalige Chance, die uns der Zufall beschert hat, mit dem kolumbianischen Musiker und Produzenten Einar Escaf zusammenarbeiten zu dürfen. Er war derjenige, der für Carlos Vives den Grundstein zum neuen Vallenatosound gelegt hat und damit Welterfolge feierte. Es ist ein Traum für uns, mit diesem grossartigen Musiker arbeiten zu dürfen.

Nach dem Auftritt in Thun geht es direkt zum Flughafen, denn um 5 Uhr ist Check-in. Gloria und Sebastian kommen eine Woche später nach, da Zürich eine Woche später Ferien hat.


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