Tagebuch der CD Produktion mit Einar Escaf (Carlos Vives, Shakira) in Barranquilla, Colombia von Andy Bopp
August 2006

Home - Juli - August

Donnerstag, 10. August

 

Mittwoch, 9. August

Mein letzter Tag in Barranquilla...Wir sind nun seit über 24 h nonstop am Abmischen und Mastern. Gestern bin ich um 4 Uhr morgens ins Hotel zurückgegangen. Der Taxifahrer wollte mir einen 1000er extra ausreissen. Ich war so müde, dass ich nur gelacht habe, hab ihm die üblichen 4000 Pesos in die Hand gedrückt und bin ausgestiegen.

Es ist inzwischen schon 19 Uhr, es fehlen noch 3 Masters, mein Gepäck, CD's brennen, verabschieden... Ich sitze hier, wie seit über 4 Wochen jeden Tag. Einar und ein Musiker einer seiner Bands arbeiten am Mischpult. Es ist eine Saukälte hier drin, wie immer...noch realisiere ich es nicht richtig, dass nun bald fertig sein wird. Vielleicht werde ich nie wieder nach Barranquilla kommen..., wenn es nach Einar geht, schlagen wir am Carnaval in Barranquilla mit den beiden Songs des Suizos Brandy Bopp ein und holen nachher die Grammys für den Rest der Songs ab ... Es ist schon ein Wechselbad der Gefühle eine CD zu "gebären". Manchmal war ein Gefühl im Raum, etwas einzigartiges zu kreieren. Dann kam dann plötzlich das Erwachen, als ich die CD über eine billige Anlage hörte. Tönte das nun, wie eine x-beliebige Latinoplatte, so wie mir dies vorausgesagt wurde.

Ich glaube viele haben Zweifel daran gehabt, dass wir ein ansprechendes Produkt mit nachhause bringen würde. Diese CD ist sicherlich nicht mehr Corazón Latino, wie auf der ersten CD. Aber es war klar, dass es nicht mehr eine zweite identische CD geben sollte. Ich wollte mir den Luxus leisten, etwas zu machen, das nicht innerhalb eines bisherigen Rasters ablaufen musste. Das Ganze sollte Corazón und Latinofeeling haben. Im Verlaufe dieser Aufnahmen ist mir endgültig klar geworden, dass die Essenz von Corazón Latino, eine Herzangelegenheit ist. Dass jeder Musiker bereit sein sollte sich persönlich einzugeben und die Plattform kreativ zu nutzen versucht. In diesem Sinne haben wir einen intensiven Monat erlebt. Manchmal sind zwei Welten aufeinandergeprallt. Einar war dabei der Vermittler, der die Rock- und Popmusik ebenso kennt, wie die kolumbianische Folkloremusik. Soviele Menschen haben an diesem Projekt mitgearbeitet und dies immer mit letztem Einsatz, haben die Idee zu tragen geholfen, haben sich eingegeben und etwas einzigartiges kreiert. Nicht nur die Musiker im Studio, sondern viele Menschen um uns herum, ohne die vielleicht alles ganz anders gekommen wäre. Wir sind mit einer Idee im Kopf und vielen Skizzen nach Barranquilla gekommen. Gloria und Sebastian haben mich über all diese Zeit hindurch auf unglaubliche Art und Weise unterstützt, für die ich Ihnen unendlich dankbar bin. Dieser Monat wird uns allen unvergesslich bleiben. Neben der Musik ist uns Barranquilla und die Menschen, die wir kennengelernt haben ans Herz gewachsen. Nun wird die CD immer mehr in den Vordergrund rücken. Unsere Stücke werden mit kritischen Ohren geprüft werden und es wird sich zeigen, ob diese CD geschätzt und schliesslich auch gekauft wird. Was ich aber jetzt schon weiss, ist, dass das, was wir hier erlebt haben, es wert war diese CD zu machen. Im Moment treffen die letzten Musiker des harten Kerns ein, um abzuschliessen und sich zu verabschieden. Ayleen hat soeben angerufen, um sich und möchte gerne "Obate" mit nach Medellin nehmen, wo sie sich Disco Fuentes vorstellen kann. Ich glaube, diese Nacht wird nicht geschlafen....ist ja nichts neues...;)

SIN MENTIRAS PAPA


Gloria in Cartagena

Dienstag, 8. August

Im Moment bin ich leicht am rotieren, da ich die leidige Geschichte mit dem Arzthonorar in der Clinica Catalina erledigen muss. Packen und Planen für die Rückreise ist angesagt. Unsere Wohnung läuft morgen aus. Wir müssen schauen, wo wir die letzte Nacht verbringen. Zudem hab ich noch keine Bounces der Mixes. Ich weiss absolut nicht, wie das Ganze tönen wird. Was klar ist, ist, dass La Morenita über die Klinge springen muss, da wir keine Zeit haben irgendeine weitere Stimme aufzunehmen. Rayner hat gestern relativ lange an meiner Version des Carnaval de Currumba gearbeitet und das Ganze tönt nun einigermassen. Ich glaube ich lasse diese Version als letztes Stück der CD. Meine Version der Costena werde ich vermutlich nicht in der Schweiz veröffentlichen, da das dort wahrscheinlich nicht verstanden würde und die Qualität der andern Stücke beeinträchtigt würden. Ich hab ja noch Zeit mich zu entscheiden. Nun geht es einfach noch darum, das Gemachte im möglichst besten Mixzustand zu beenden, aber das Ganze geht sehr gemächlich vorwärts. Ich nehms mit Gelassenheit, denn mit Stress geht es auch nicht schneller..:)

Heute wird es mit Sicherheit eine "Noche de Vampiros" geben. Wahrscheinlich wird nun nonstop gemixt bis zu meinem Abflug am Donnerstag um 8 Uhr morgens. Vor zwei Wochen hätte mich dies noch nervös gemacht. Lustigerweise hat Gloria mehr Mühe mit der Mentalität ihrer eigenen Landsleute.

Gestern mieteten wir einen Kleinbus mit Chauffeur und fuhren nach Cartagena de Indias. Eine charmante Stadt Kolonialcharakter. Mein erster und einziger Ferientag. Aber hier macht man halt "Ferien" während der Arbeit, darum dauert halt alles ein wenig länger.

Video: Souvenir aus Barranquilla für unsere Ländlerfrönde

 

Freitag, 4. August

Gestern haben wir die "Costena" in 2 Versionen abgemischt. Einmal mit Sebi's Stimme für den schweizerischen Zuhörer und dann mit meiner Stimme für das Carnavalhappening hier in Barranquilla. Die Idee ist, die Single für Dezember in allen Radios zu lancieren, damit das Stück dann hoffentlich zum Renner des Karnavals 2007 wird. Einar ist in seinem Glauben nicht zu erschüttern...Ich hege meine Zweifel, aber Geschmäcker und Humor sind bekanntlich verschieden. Gestern hat Einar kurz einen Bekannten im "Heraldo" einer der auflageträchtigsten Zeitung in Barranquilla angerufen. 3 Stunden später trudelte ein Fotograf ein, der Bilder von mir (El Suizo) und dem Aufnahmeteam machte. Das Ganze soll nächstens veröffentlicht werden.

Heute bin ich spät aufgestanden. Zum ersten Mal musste ich nach dem Morgenessen nicht direkt auf die Toilette rennen. Die Medikamente scheinen zu wirken, obwohl der Arzt ein völliger Halsabschneider gewesen ist. Ich hoffe nur, dass ich das Geld wieder zurückerstattet kriege.

Ich liess mich anschliessend im Coiffeursalon während einer Stunde rasieren. Ich habe gar nicht gewusst, dass es da soviel Haare gibt :)

Jetzt sitze ich im Studio, während Edgardo wie üblich vor sich hinschläft und Rayner die Spuren von "Dejate Mirar" bearbeitet. Es ist aussergewöhnlich ruhig. Kein Natel, keine Besuche, kein Gelächter, man könnte meinen, wir sind in der Schweiz...kalt genug ist es ja dank der Klimaanlage.

Ich spüre, dass eine bewegende Zeit zu Ende geht. Während im Hintergrund die süssen Töne von Ismaels Akkordeonbegleitung erklingen, befällt mich ein Gefühl von Nostalgie, das auch Edgardos Schnarcheln mir nicht nehmen kann. All die Bilder eines kurzen, neuen Lebens ziehen noch einmal an mir vorbei und ich weiss, dass ich diese Zeit hier sehr vermissen werde. Ein intensives Erlebnis mit einer etwas andern Art das Leben und seine Werte zu sehen. Hier ist Zeit nicht Geld sondern Zeit zum Leben. Ich habe durch viele Freundschaften auch die alltägliche Armut hier kennengelernt. Die Unsicherheit, dass es nicht selbstverständlich ist jeden Tag etwas zu Essen zu haben. Dass die 7 Tagewoche zu minimalsten Löhnen nicht ungewöhnlich ist. Dass viele gar keine Arbeit haben und sich mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten über Wasser zu halten versuchen. Aber irgendwie geht es dann halt immer doch weiter. Für einen Schwatz hat es allemal Zeit. Das Natel wird überall und immer beantwortet. Die Krankenschwester im Spital lässt sich genau so wenig davon abbringen, wie die Dame, die gleichzeitig einer Kundin die Fingernägel pflegt. Trotz aller Armut und Räubergeschichten, die über Kolumbien erzählt werden, sind die Mehrheit vorallem der einfacheren Menschen hier darum bemüht ein ehrliches Leben zu führen, im Glauben an Gott und die Familie, die das Fundament ihres Überlebens bilden. Kolumbien ist gemäss einer Statistik auf dem 2. Rang, was die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem Land betrifft, obwohl fast jeder Kolumbianer gerne im Ausland leben möchte. Ein liebenswertes Land mit vielen Träumen und Widersprüchen.


Mittwoch 3. August,

Heute Morgen hat mich die Vermieterin zu sich ins Büro gerufen, und mir zu erklären versucht, dass der Arzt zusätzlich einen Spezialisten beigezogen hat. Ich hab Ihr gesagt, dass ich eine detaillierte und gerechtfertigte schriftliche Rechnung benötige. Bin gespannt, wie das weitergeht. Ich habe dann vorsichtig gespeist und bin shoppen gegangen. Einar, Rayner und Edgardo haben gestern bis morgen 4 Uhr weitergearbeitet. Als ich heute um 10 Uhr ins Studiokam, war noch niemand dort. Einar sagte mir ich solle mittagessen gehen und um 1 Uhr wiederkommen, da es gestern spät geworden sei. Ich bin um 14 Uhr zurückgekehrt. Einar und Rayner waren am Ausprobieren, wer von beiden das Stück singen könnte. Für Rayner war es anfänglich zu tief, da alle Latinos scheinbar gerne kurz vor dem Pressen singen. Beim 2. Versuch fand er aber dann doch noch einen Weg, der mir sehr gefiel. Rayner hat für mich den richtigen Touch, mit ein bisschen Ironie in der Stimme.


Dienstag, 2. August,

der Morgen hat mit einem Dünnpfiff begonnen. Das Ganze hat ziemlich übel ausgesehen, weshalb ich mich entschlossen habe, eine Klinik aufzusuchen. Um auf Nummer sicher zu gehen, liess ich deshalb Blut und Stuhl untersuchen. Der Arzt informierte mich, dass sich in meinem Magen ein kleiner Zoo angesammelt hatte. Scheinbar war ich nicht der erste und letzte Gringo dessen Gedärme so aussahen. Ich bekam Antibiotika und ein paar andere "Pestizide", die sie hier den Kindern jedes halbe Jahr vorbeugend verabreichen. Die Rechnung war recht gesalzen für hiesige Verhältnisse. Vorallem der Arzt, der mir von unserer Vermieterin empfohlen wurde, hat sich da wohl gesund gestossen. Ich habe dann bei der Vermieterin reklamiert, worauf sie sich sehr bemüht zeigte, das wieder in Ordnung zu bringen. Vorallem als ich erwähnte, dass die Versicherungen diese Rechnungen genau überprüften, merkte ich, dass es ihr nicht ganz wohl war. Immerhin hat sie einen Ruf zu verlieren, was hier wichtig ist.

Montag, 1. August,

eigentlich wollte ich heute frei nehmen und nach Cartagena reisen. Allerdings bin ich zu spät erwacht und bin deshalb in Barranquilla geblieben. Ich bin an den Rio Magdalena hinuntergefahren mit einem Taxi und habe in einem der vielen Restaurants gegessen. Schon beim Essen spürte ich, dass etwas mit dem Essen nicht ganz koscher war. Ich habe deshalb kräftig Carmol geschluckt und einen Whisky zur Desinfektion nachgeschüttet. Damit hat sich das Ganze bis am Abend beruhigt. Um 22 Uhr bin ich ins Studio, wo Gloria und Sebastian immer noch am Singen waren. Um 23 Uhr kam Ismael nocheinmal, um "Vida Cybernetica" mit dem Akkordeon einzuspielen. Um 1 Uhr waren wir fertig. Das lyrische Akkordeon gefällt mir sehr.

<<<


Home - Juli - August