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Donnerstag,
10. August

Mittwoch, 9. August
Mein letzter Tag in Barranquilla...Wir sind nun
seit über 24 h nonstop am Abmischen und Mastern.
Gestern bin ich um 4 Uhr morgens ins Hotel zurückgegangen.
Der Taxifahrer wollte mir einen 1000er extra ausreissen.
Ich war so müde, dass ich nur gelacht habe,
hab ihm die üblichen 4000 Pesos in die Hand
gedrückt und bin ausgestiegen.
Es ist inzwischen schon 19 Uhr, es fehlen noch
3 Masters, mein Gepäck, CD's brennen, verabschieden...
Ich sitze hier, wie seit über 4 Wochen jeden
Tag. Einar und ein Musiker einer seiner Bands
arbeiten am Mischpult. Es ist eine Saukälte
hier drin, wie immer...noch realisiere ich es
nicht richtig, dass nun bald fertig sein wird.
Vielleicht werde ich nie wieder nach Barranquilla
kommen..., wenn es nach Einar geht, schlagen wir
am Carnaval in Barranquilla mit den beiden Songs
des Suizos Brandy Bopp ein und holen nachher die
Grammys für den Rest der Songs ab ... Es
ist schon ein Wechselbad der Gefühle eine
CD zu "gebären". Manchmal war ein
Gefühl im Raum, etwas einzigartiges zu kreieren.
Dann kam dann plötzlich das Erwachen, als
ich die CD über eine billige Anlage hörte.
Tönte das nun, wie eine x-beliebige Latinoplatte,
so wie mir dies vorausgesagt wurde.
Ich glaube viele haben Zweifel daran gehabt,
dass wir ein ansprechendes Produkt mit nachhause
bringen würde. Diese CD ist sicherlich nicht
mehr Corazón Latino, wie auf der ersten
CD. Aber es war klar, dass es nicht mehr eine
zweite identische CD geben sollte. Ich wollte
mir den Luxus leisten, etwas zu machen, das nicht
innerhalb eines bisherigen Rasters ablaufen musste.
Das Ganze sollte Corazón und Latinofeeling
haben. Im Verlaufe dieser Aufnahmen ist mir endgültig
klar geworden, dass die Essenz von Corazón
Latino, eine Herzangelegenheit ist. Dass jeder
Musiker bereit sein sollte sich persönlich
einzugeben und die Plattform kreativ zu nutzen
versucht. In diesem Sinne haben wir einen intensiven
Monat erlebt. Manchmal sind zwei Welten aufeinandergeprallt.
Einar war dabei der Vermittler, der die Rock-
und Popmusik ebenso kennt, wie die kolumbianische
Folkloremusik. Soviele Menschen haben an diesem
Projekt mitgearbeitet und dies immer mit letztem
Einsatz, haben die Idee zu tragen geholfen, haben
sich eingegeben und etwas einzigartiges kreiert.
Nicht nur die Musiker im Studio, sondern viele
Menschen um uns herum, ohne die vielleicht alles
ganz anders gekommen wäre. Wir sind mit einer
Idee im Kopf und vielen Skizzen nach Barranquilla
gekommen. Gloria und Sebastian haben mich über
all diese Zeit hindurch auf unglaubliche Art und
Weise unterstützt, für die ich Ihnen
unendlich dankbar bin. Dieser Monat wird uns allen
unvergesslich bleiben. Neben der Musik ist uns
Barranquilla und die Menschen, die wir kennengelernt
haben ans Herz gewachsen. Nun wird die CD immer
mehr in den Vordergrund rücken. Unsere Stücke
werden mit kritischen Ohren geprüft werden
und es wird sich zeigen, ob diese CD geschätzt
und schliesslich auch gekauft wird. Was ich aber
jetzt schon weiss, ist, dass das, was wir hier
erlebt haben, es wert war diese CD zu machen.
Im Moment treffen die letzten Musiker des harten
Kerns ein, um abzuschliessen und sich zu verabschieden.
Ayleen hat soeben angerufen, um sich und möchte
gerne "Obate" mit nach Medellin nehmen,
wo sie sich Disco Fuentes vorstellen kann. Ich
glaube, diese Nacht wird nicht geschlafen....ist
ja nichts neues...;)
SIN MENTIRAS PAPA

Gloria in Cartagena
Dienstag, 8. August
Im Moment bin ich leicht am rotieren, da ich
die leidige Geschichte mit dem Arzthonorar in
der Clinica Catalina erledigen muss. Packen und
Planen für die Rückreise ist angesagt.
Unsere Wohnung läuft morgen aus. Wir müssen
schauen, wo wir die letzte Nacht verbringen. Zudem
hab ich noch keine Bounces der Mixes. Ich weiss
absolut nicht, wie das Ganze tönen wird.
Was klar ist, ist, dass La Morenita über
die Klinge springen muss, da wir keine Zeit haben
irgendeine weitere Stimme aufzunehmen. Rayner
hat gestern relativ lange an meiner Version des
Carnaval de Currumba gearbeitet und das Ganze
tönt nun einigermassen. Ich glaube ich lasse
diese Version als letztes Stück der CD. Meine
Version der Costena werde ich vermutlich nicht
in der Schweiz veröffentlichen, da das dort
wahrscheinlich nicht verstanden würde und
die Qualität der andern Stücke beeinträchtigt
würden. Ich hab ja noch Zeit mich zu entscheiden.
Nun geht es einfach noch darum, das Gemachte im
möglichst besten Mixzustand zu beenden, aber
das Ganze geht sehr gemächlich vorwärts.
Ich nehms mit Gelassenheit, denn mit Stress geht
es auch nicht schneller..:)
Heute wird es mit Sicherheit eine "Noche
de Vampiros" geben. Wahrscheinlich wird nun
nonstop gemixt bis zu meinem Abflug am Donnerstag
um 8 Uhr morgens. Vor zwei Wochen hätte mich
dies noch nervös gemacht. Lustigerweise hat
Gloria mehr Mühe mit der Mentalität
ihrer eigenen Landsleute.
Gestern mieteten wir einen Kleinbus mit Chauffeur
und fuhren nach Cartagena de Indias. Eine charmante
Stadt Kolonialcharakter. Mein erster und einziger
Ferientag. Aber hier macht man halt "Ferien"
während der Arbeit, darum dauert halt alles
ein wenig länger.
Video: Souvenir aus Barranquilla für unsere
Ländlerfrönde

Freitag, 4. August
Gestern haben wir die "Costena" in
2 Versionen abgemischt. Einmal mit Sebi's Stimme
für den schweizerischen Zuhörer und
dann mit meiner Stimme für das Carnavalhappening
hier in Barranquilla. Die Idee ist, die Single
für Dezember in allen Radios zu lancieren,
damit das Stück dann hoffentlich zum Renner
des Karnavals 2007 wird. Einar ist in seinem Glauben
nicht zu erschüttern...Ich hege meine Zweifel,
aber Geschmäcker und Humor sind bekanntlich
verschieden. Gestern hat Einar kurz einen Bekannten
im "Heraldo" einer der auflageträchtigsten
Zeitung in Barranquilla angerufen. 3 Stunden später
trudelte ein Fotograf ein, der Bilder von mir
(El Suizo) und dem Aufnahmeteam machte. Das Ganze
soll nächstens veröffentlicht werden.
Heute bin ich spät aufgestanden. Zum ersten
Mal musste ich nach dem Morgenessen nicht direkt
auf die Toilette rennen. Die Medikamente scheinen
zu wirken, obwohl der Arzt ein völliger Halsabschneider
gewesen ist. Ich hoffe nur, dass ich das Geld
wieder zurückerstattet kriege.
Ich liess mich anschliessend im Coiffeursalon
während einer Stunde rasieren. Ich habe gar
nicht gewusst, dass es da soviel Haare gibt :)
Jetzt sitze ich im Studio, während Edgardo
wie üblich vor sich hinschläft und Rayner
die Spuren von "Dejate Mirar" bearbeitet.
Es ist aussergewöhnlich ruhig. Kein Natel,
keine Besuche, kein Gelächter, man könnte
meinen, wir sind in der Schweiz...kalt genug ist
es ja dank der Klimaanlage.
Ich spüre, dass eine bewegende Zeit zu Ende
geht. Während im Hintergrund die süssen
Töne von Ismaels Akkordeonbegleitung erklingen,
befällt mich ein Gefühl von Nostalgie,
das auch Edgardos Schnarcheln mir nicht nehmen
kann. All die Bilder eines kurzen, neuen Lebens
ziehen noch einmal an mir vorbei und ich weiss,
dass ich diese Zeit hier sehr vermissen werde.
Ein intensives Erlebnis mit einer etwas andern
Art das Leben und seine Werte zu sehen. Hier ist
Zeit nicht Geld sondern Zeit zum Leben. Ich habe
durch viele Freundschaften auch die alltägliche
Armut hier kennengelernt. Die Unsicherheit, dass
es nicht selbstverständlich ist jeden Tag
etwas zu Essen zu haben. Dass die 7 Tagewoche
zu minimalsten Löhnen nicht ungewöhnlich
ist. Dass viele gar keine Arbeit haben und sich
mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten über
Wasser zu halten versuchen. Aber irgendwie geht
es dann halt immer doch weiter. Für einen
Schwatz hat es allemal Zeit. Das Natel wird überall
und immer beantwortet. Die Krankenschwester im
Spital lässt sich genau so wenig davon abbringen,
wie die Dame, die gleichzeitig einer Kundin die
Fingernägel pflegt. Trotz aller Armut und
Räubergeschichten, die über Kolumbien
erzählt werden, sind die Mehrheit vorallem
der einfacheren Menschen hier darum bemüht
ein ehrliches Leben zu führen, im Glauben
an Gott und die Familie, die das Fundament ihres
Überlebens bilden. Kolumbien ist gemäss
einer Statistik auf dem 2. Rang, was die Zufriedenheit
der Menschen mit ihrem Land betrifft, obwohl fast
jeder Kolumbianer gerne im Ausland leben möchte.
Ein liebenswertes Land mit vielen Träumen
und Widersprüchen.

Mittwoch 3. August,
Heute Morgen hat mich die Vermieterin zu sich
ins Büro gerufen, und mir zu erklären
versucht, dass der Arzt zusätzlich einen
Spezialisten beigezogen hat. Ich hab Ihr gesagt,
dass ich eine detaillierte und gerechtfertigte
schriftliche Rechnung benötige. Bin gespannt,
wie das weitergeht. Ich habe dann vorsichtig gespeist
und bin shoppen gegangen. Einar, Rayner und Edgardo
haben gestern bis morgen 4 Uhr weitergearbeitet.
Als ich heute um 10 Uhr ins Studiokam, war noch
niemand dort. Einar sagte mir ich solle mittagessen
gehen und um 1 Uhr wiederkommen, da es gestern
spät geworden sei. Ich bin um 14 Uhr zurückgekehrt.
Einar und Rayner waren am Ausprobieren, wer von
beiden das Stück singen könnte. Für
Rayner war es anfänglich zu tief, da alle
Latinos scheinbar gerne kurz vor dem Pressen singen.
Beim 2. Versuch fand er aber dann doch noch einen
Weg, der mir sehr gefiel. Rayner hat für
mich den richtigen Touch, mit ein bisschen Ironie
in der Stimme.

Dienstag, 2. August,
der Morgen hat mit einem Dünnpfiff begonnen.
Das Ganze hat ziemlich übel ausgesehen, weshalb
ich mich entschlossen habe, eine Klinik aufzusuchen.
Um auf Nummer sicher zu gehen, liess ich deshalb
Blut und Stuhl untersuchen. Der Arzt informierte
mich, dass sich in meinem Magen ein kleiner Zoo
angesammelt hatte. Scheinbar war ich nicht der
erste und letzte Gringo dessen Gedärme so
aussahen. Ich bekam Antibiotika und ein paar andere
"Pestizide", die sie hier den Kindern
jedes halbe Jahr vorbeugend verabreichen. Die
Rechnung war recht gesalzen für hiesige Verhältnisse.
Vorallem der Arzt, der mir von unserer Vermieterin
empfohlen wurde, hat sich da wohl gesund gestossen.
Ich habe dann bei der Vermieterin reklamiert,
worauf sie sich sehr bemüht zeigte, das wieder
in Ordnung zu bringen. Vorallem als ich erwähnte,
dass die Versicherungen diese Rechnungen genau
überprüften, merkte ich, dass es ihr
nicht ganz wohl war. Immerhin hat sie einen Ruf
zu verlieren, was hier wichtig ist.

Montag, 1. August,
eigentlich wollte ich heute frei nehmen und nach
Cartagena reisen. Allerdings bin ich zu spät
erwacht und bin deshalb in Barranquilla geblieben.
Ich bin an den Rio Magdalena hinuntergefahren
mit einem Taxi und habe in einem der vielen Restaurants
gegessen. Schon beim Essen spürte ich, dass
etwas mit dem Essen nicht ganz koscher war. Ich
habe deshalb kräftig Carmol geschluckt und
einen Whisky zur Desinfektion nachgeschüttet.
Damit hat sich das Ganze bis am Abend beruhigt.
Um 22 Uhr bin ich ins Studio, wo Gloria und Sebastian
immer noch am Singen waren. Um 23 Uhr kam Ismael
nocheinmal, um "Vida Cybernetica" mit
dem Akkordeon einzuspielen. Um 1 Uhr waren wir
fertig. Das lyrische Akkordeon gefällt mir
sehr.

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